Teil 11: Vielleicht muss ich gar nicht die Richtung ändern. Sondern nur die Bühne.
Gestern war bei uns zu Hause ziemlich viel los. Zuerst kam meine Mutter zu Besuch. Als sie hereinkam, begrüsste unser Hund sie voller Freude. Aber ganz behutsam. Fast höflich. Etwas später klingelte es erneut. Unser Sohn war nach Hause gekommen. Und plötzlich war derselbe Hund kaum wiederzuerkennen. Der ganze Hund wedelte. Freudensprünge. Spielaufforderungen. Die ganze Begeisterung, die in einen Labradoodle hineinpasst.
Ich musste lachen. Es war derselbe Hund. Dieselbe Persönlichkeit. Und trotzdem zeigte er bei jedem Menschen eine andere Seite von sich. Vielleicht machen wir Menschen das gar nicht so anders.
In den letzten Monaten habe ich oft darüber nachgedacht, wie es beruflich für mich weitergehen könnte. Lange Zeit stellte ich mir diese Frage ziemlich eindimensional. Welche Stelle könnte zu meinem bisherigen Lebenslauf passen? Heute stelle ich mir eine andere Frage. Welche meiner Fähigkeiten könnten auch ganz woanders gebraucht werden? Das ist ein überraschender Unterschied.
Dreissig Jahre lang dachte ich, meine Laufbahn erzähle meine Geschichte. Heute frage ich mich, ob sie mir nicht vielmehr etwas beigebracht hat. Denn hinter jeder Berufsbezeichnung verstecken sich Fähigkeiten, die weit über einen Jobtitel hinausreichen. Krisenkommunikation bedeutet nicht nur Medienmitteilungen zu schreiben. Sie bedeutet, auch dann einen kühlen Kopf zu bewahren, wenn andere nervös werden. Leadership Communication bedeutet nicht nur Führungskräfte zu beraten. Sie bedeutet, Menschen Orientierung zu geben, wenn Unsicherheit entsteht. Storytelling bedeutet nicht einfach Texte zu schreiben. Es bedeutet, Komplexes verständlich zu machen. Und Mental Health Coaching bedeutet vielleicht vor allem eines: zuzuhören.
Je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher wurde mir etwas. Vielleicht habe ich gar nicht dreissig Jahre Unternehmenskommunikation gemacht. Vielleicht habe ich dreissig Jahre lang gelernt, Menschen zu verstehen. Mit ihnen zu sprechen. Sie zu begleiten. Vertrauen aufzubauen. Orientierung zu geben. Und plötzlich wirkten meine bisherigen Berufsjahre nicht mehr wie ein geradliniger Karrierepfad. Sondern wie ein gut gefüllter Werkzeugkasten.
Dazu kam etwas, womit ich nie gerechnet hätte. Die letzten Monate haben mir Fähigkeiten beigebracht, die in keinem Stellenbeschrieb stehen. Mit Unsicherheit leben. Geduldig bleiben. Immer wieder neu anfangen. Mit Absagen umgehen. Hoffnung bewahren. Sich selbst motivieren. Mit Veränderungen leben, ohne daran zu zerbrechen.
Ich hätte mir diese Lektionen nie ausgesucht. Aber ich möchte sie heute auch nicht mehr missen. Vielleicht sind sie genauso wertvoll wie manches Diplom an der Wand.
Seit einiger Zeit arbeite ich an einem Herzensprojekt. Headmatters. Früher dachte ich oft, ich müsse zuerst noch dieses Zertifikat erwerben. Noch eine Weiterbildung absolvieren. Noch etwas mehr Erfahrung sammeln. Heute weiss ich, dass manche Erfahrungen sich nicht planen lassen. Sie begegnen uns. Und manchmal verändern sie uns.
Ich hätte mir diese Lebensphase nie ausgesucht. Aber sie hat mich gelehrt, wie sich Unsicherheit anfühlt. Wie Hoffnung klingt. Wie viel Kraft es braucht, morgens trotzdem aufzustehen. Vielleicht höre ich heute anders zu als früher. Nicht weil ich mehr weiss. Sondern weil ich manches inzwischen selbst erlebt habe.
Unser Hund liegt mittlerweile zufrieden auf seinem Platz. Vorhin war er noch der ausgelassene Spielkamerad unseres Sohnes. Vorher der aufmerksame Begleiter meiner Mutter. Jetzt schläft er. Er muss sich nicht entscheiden, welcher Hund er sein möchte. Er ist einfach er selbst. Je nach Situation zeigt er andere Seiten seiner Persönlichkeit.
Vielleicht dürfen wir Menschen uns das ebenfalls erlauben. Vielleicht müssen wir unsere Persönlichkeit gar nicht neu erfinden. Vielleicht genügt es, sie an einem neuen Ort wirken zu lassen. Ich weiss noch nicht, wohin mich mein Weg führen wird. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit fühlt sich diese Ungewissheit nicht mehr wie ein Verlust an. Sondern wie eine Möglichkeit. Vielleicht muss ich gar nicht die Richtung ändern. Vielleicht genügt es, die Bühne zu wechseln.