Teil 10: Abgeschickt. Und losgelassen.
Unser Hund liebt den See. Kaum fliegt sein Spielzeug ins Wasser, springt er hinterher. Er paddelt entschlossen los, schnappt es sich und bringt es stolz ans Ufer zurück. Kaum liegt es vor meinen Füssen, schaut er mich erwartungsvoll an. Also werfe ich es noch einmal. Rein ins Wasser. Raus aus dem Wasser. Immer wieder. Mit derselben Begeisterung. Mit derselben Überzeugung.
Ich frage mich manchmal, ob er sich Gedanken darüber macht, ob der nächste Wurf überhaupt kommt. Wahrscheinlich nicht. Er bringt mir das Spielzeug zurück. Was danach geschieht, liegt nicht mehr in seiner Pfote. Dieser Gedanke begleitet mich später nach Hause.
Vor wenigen Minuten hatte ich ein Bewerbungsgespräch. Nicht mit einem Menschen. Mit einer künstlichen Intelligenz. Nach einer freundlichen Begrüssung stellte mir der KI-Agent fünf Fragen. Nach jeder Antwort fasste er meine Aussagen erstaunlich präzise zusammen. Fast wirkte das Gespräch menschlich. Fast. Jetzt bin ich gespannt, wie es weitergeht.
Die Arbeitssuche hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Früher verschickte man Bewerbungsdossiers per Post. Sorgfältig zusammengestellt. Motivationsschreiben. Lebenslauf. Arbeitszeugnisse. Diplome. Irgendwann lag dann ein Brief im Briefkasten. Eine Einladung. Oder eine Absage. Manchmal sogar mit einem persönlichen Satz.
Heute schreiben wir unsere Bewerbungen digital. Und häufig schreiben wir zuerst gar nicht an Menschen. Sondern an Systeme. Algorithmen entscheiden mit, welche Dossiers überhaupt gelesen werden. Künstliche Intelligenz unterstützt bei der Vorauswahl.
Im besten Fall erhält man kurz nach dem Absenden eine freundliche Eingangsbestätigung. Im ungünstigsten Fall verschwindet die Bewerbung irgendwo in einem digitalen Universum. Still. Lautlos. Ohne jede Rückmeldung.
Ich glaube, eine Absage enttäuscht. Aber Schweigen verunsichert.
Vielleicht, weil unser Gehirn Geschichten nicht besonders mag, solange sie kein Ende haben. Es wartet. Hofft. Interpretiert. Erfindet Möglichkeiten. Hält Türen offen, die vielleicht längst geschlossen sind. Und genau das kostet Kraft.
Dabei beginnt jede Bewerbung lange bevor wir auf «Senden» klicken. Wir lesen Stellenprofile. Vergleichen Anforderungen. Formulieren Motivationsschreiben. Überarbeiten unseren Lebenslauf. Suchen nach den richtigen Worten. Versuchen, Erfahrungen so zu beschreiben, dass sie genau zu dieser einen Stelle passen.
Manchmal verbringen wir Stunden damit. Und dann kommt dieser eine Moment. Der Klick. Senden.
Früher dachte ich, danach beginnt das Warten. Heute glaube ich, dass dort meine Aufgabe endet. Solange die Bewerbung auf meinem Computer gespeichert ist, gehört sie mir. Ich kann sie verbessern. Noch einmal überarbeiten. Eine Nacht darüber schlafen. Eine Formulierung ändern. Ein Beispiel ergänzen. Aber in dem Moment, in dem ich auf «Senden» klicke, gehört sie nicht mehr mir.
Von da an liegt sie in einer Welt, auf die ich keinen Einfluss mehr habe. Algorithmen. Recruiterinnen und Recruiter. Interne Kandidatinnen und Kandidaten. Budgets. Zeitpläne. Unternehmensentscheide. Zufälle.
Ich kann nicht kontrollieren, was danach geschieht. Ich kann nur kontrollieren, wie sorgfältig ich mich vorbereite. Wie ehrlich ich mich zeige. Wie gut ich meine Erfahrung in Worte fasse. Alles andere liegt nicht mehr in meiner Hand.
Diese Erkenntnis hat erstaunlich viel verändert. Ich verschicke heute eine Bewerbung. Und dann lasse ich sie los. Nicht, weil sie mir gleichgültig wäre. Sondern weil ich gelernt habe, meine Energie dort einzusetzen, wo sie tatsächlich etwas bewirken kann.
Am Abend muss ich noch einmal an unseren Hund denken. Er bringt mir sein Spielzeug voller Begeisterung zurück. Jedes einzelne Mal. Ob ich es erneut werfe, kann er nicht entscheiden. Und trotzdem bringt er es wieder.Vielleicht liegt genau darin eine kleine Lebensweisheit. Wir können nicht beeinflussen, was nach unserem Einsatz geschieht. Aber wir können entscheiden, ob wir unser Bestes geben. Und manchmal besteht genau darin die eigentliche Kunst. Abzuschicken. Und loszulassen.