Teil 9: Die Geschichte, die ich mir über mich selbst erzähle.
Unser Hund hebt manchmal ganz plötzlich den Kopf. Als hätte er etwas wahrgenommen. Ein Geräusch. Einen Geruch. Einen anderen Hund in der Ferne. Meistens hat er recht. Mein Gehirn macht etwas Ähnliches. Nur leider schlägt es manchmal auch Alarm, obwohl gar nichts passiert ist.
Ich sitze mit einer Tasse Kaffee auf dem Sofa und scrolle durch LinkedIn. Neue Stellen. Beförderungen. Auszeichnungen. Erfolgreich abgeschlossene Projekte. Inspirierende Zitate. Motivationsvideos. Ratschläge über Resilienz. Über mentale Gesundheit. Über Selbstfürsorge.
Ich freue mich ehrlich über die Erfolge anderer Menschen. Wirklich. Und gleichzeitig frage ich mich manchmal, wo all die Geschichten geblieben sind, in denen das Leben gerade nicht nach Plan verläuft. Vielleicht gibt es sie. Vielleicht werden sie einfach seltener erzählt.
Bevor ich die App schliesse, schaue ich noch kurz nach, wer mein Profil besucht hat. Ein Name springt mir ins Auge. Jemand, mit dem ich vor vielen Jahren zusammengearbeitet habe. Im selben Augenblick beginnt mein Kopf, eine Geschichte zu schreiben.
Vielleicht fragt sich diese Person, was aus mir geworden ist. Vielleicht erzählt sie einer ehemaligen Kollegin, dass ich noch immer arbeitslos bin. Dass ich inzwischen sogar ausgesteuert bin. Dass …
«Halt.» Die Stimme in meinem Kopf ist dieses Mal erstaunlich deutlich. «Stopp.»
Mein Hund hebt den Kopf. Er schaut kurz zu mir herüber. Dann legt er ihn wieder auf seine Pfoten. Offenbar ist nichts Besonderes passiert. Und eigentlich hat er recht.
Nichts ist passiert. Ausser in meinem Kopf. Ich muss über mich selbst lachen. Wie erstaunlich kreativ unser Gehirn manchmal ist. Es schreibt Geschichten. Erfindet Dialoge. Inszeniert ganze Filmszenen. Und das Beeindruckendste daran: Es braucht dafür nicht einen einzigen Beweis.
Ich weiss gar nicht, was diese Person denkt. Vielleicht freut sie sich einfach, wieder einmal etwas von mir zu lesen. Vielleicht interessiert sie sich für meine Essays. Vielleicht wollte sie nur kurz Hallo sagen. Ich weiss es schlicht nicht. Und trotzdem hatte mein Kopf längst eine Geschichte daraus gemacht.
Da wurde mir etwas bewusst. Ich kann nicht kontrollieren, was andere Menschen über mich denken. Ich kann nicht kontrollieren, worüber sie sprechen. Ich kann nicht einmal kontrollieren, ob sie überhaupt an mich denken.
Was ich jedoch beeinflussen kann, ist die Geschichte, die ich selbst über mich erzähle. Und diese Geschichte ist wichtiger, als ich lange geglaubt habe. Denn sie wird irgendwann Teil meiner Biografie.
Ich könnte dieses Kapitel überschreiben mit: «Im grossen Stil gescheitert.» Oder: «Zur falschen Zeit am falschen Ort.» Oder: «Das Jahr, in dem plötzlich alles anders wurde.» Aber keine dieser Überschriften fühlt sich richtig an.
Vor Kurzem fragte ich mich, weshalb wir Menschen eigentlich oft so streng mit uns selbst umgehen. Scham ist ein merkwürdiges Gefühl. Sie entsteht oft nicht dadurch, dass andere uns verurteilen. Sondern dadurch, dass wir glauben, sie könnten es tun. Und manchmal verurteilen wir uns längst selbst, noch bevor es irgendjemand anders getan hat.
Ich stellte mir plötzlich eine einfache Frage. Wenn eine gute Freundin mir genau diese Geschichte erzählen würde … würde ich mit ihr genauso sprechen, wie ich gerade mit mir selbst spreche? Natürlich nicht. Ich würde ihr sagen, dass sie gerade durch eine schwierige Zeit geht. Dass ihr beruflicher Wert nicht verschwunden ist. Dass ein Lebensabschnitt niemals einen ganzen Menschen beschreibt.
Warum also fällt es mir manchmal schwerer, mir selbst mit derselben Freundlichkeit zu begegnen? Vielleicht besteht Selbstmitgefühl genau darin. Nicht darin, sich einzureden, dass alles wunderbar ist. Sondern darin, sich selbst mit derselben Fairness zu behandeln, die man anderen ganz selbstverständlich entgegenbringt.
Ich glaube, jede Biografie erzählt eine Geschichte. Die spannende Frage ist nicht nur, was uns widerfährt. Sondern auch, welche Rolle wir uns selbst darin geben. Vielleicht muss ich gar nicht die Heldin meiner Geschichte sein. Vielleicht genügt es, aufzuhören, mich selbst zur Gegenspielerin zu machen.
Unser Hund ist inzwischen aufgewacht. Ich nehme sein Lieblingsspielzeug in die Hand. Sofort springt er auf. Sein Schwanz wedelt voller Begeisterung. Für ihn spielt es keine Rolle, ob ich einen Job habe. Wie mein LinkedIn-Profil aussieht. Oder welche Geschichte ich gerade über mich selbst erzähle. Ich werfe den Ball. Unser Hund rennt los. Ohne nachzudenken. Ohne sich zu vergleichen. Ohne sich zu fragen, wie er dabei aussieht. Ich schaue ihm nach und muss lächeln. Vielleicht beginnt jede gute Geschichte genau so. Nicht mit der Frage, «Was werden die anderen über mich denken?» Sondern mit der Entscheidung, «Welche Geschichte möchte ich über mich selbst erzählen?»