Teil 8: Die Landkarte endet hier. Der Weg nicht.
Unser Hund knabbert genüsslich an einer Kaustange. Mit einer beneidenswerten Hingabe. Vielleicht hat er Hunger. Vielleicht überbrückt er einfach die Zeit bis zum nächsten Spaziergang.
Währenddessen sitze ich am Esstisch. Vor mir liegt ein Fragebogen. “Standortbestimmung” steht oben. Ich muss schmunzeln. Meinen Standort kenne ich im Moment nämlich ziemlich genau. Ausgesteuert. Vielen Dank. Dafür hätte ich den Fragebogen eigentlich gar nicht gebraucht.
Viel spannender fände ich eine “Optionenbestimmung”. Oder eine “Perspektivenbestimmung”. Oder – wenn wir schon dabei sind – gleich eine “Zukunftsbestimmung”.
Seit Monaten frage ich mich, wie es beruflich weitergehen könnte. Natürlich bewerbe ich mich. Ich suche passende Stellen. Ich verschicke Bewerbungen. Und ich versuche, offen zu bleiben.
Offener, als ich es früher vielleicht gewesen wäre. Ich habe mich auf Stellen beworben, die mich auf meinem beruflichen Weg um viele Jahre zurückversetzt hätten. Nicht, weil ich zurück wollte. Sondern weil ich weitergehen wollte. Ohne Erfolg.
Vor einigen Jahren begann ich deshalb, mich intensiv weiterzubilden. Eine Ausbildung. Dann die nächste. Später noch ein Masterstudium. Immer mit der Hoffnung, dass sich daraus eines Tages ein neuer Weg ergeben würde. Auch meine Teilselbstständigkeit ist aus dieser Hoffnung entstanden. Noch trägt sie sich nicht. Vielleicht irgendwann. Vielleicht auch nicht.
Und genau darin liegt die eigentliche Herausforderung. Nicht in der Veränderung. Sondern in der Ungewissheit, die sie mit sich bringt. Unser Gehirn kann mit einer anspruchsvollen Aufgabe oft erstaunlich gut umgehen. Viel schlechter kann es mit Unsicherheit umgehen. Nicht zu wissen, wie es weitergeht, kostet oft mehr Kraft als der Weg selbst.
Vielleicht brauchen wir Menschen deshalb nicht nur Orientierung. Nicht nur Struktur. Sondern auch eine Vorstellung davon, wohin der nächste Schritt führen könnte. Perspektiven geben Hoffnung. Nicht weil sie garantieren, dass alles gut wird. Sondern weil sie Bewegung ermöglichen.
Manchmal habe ich das Gefühl, an einer Weggabelung zu stehen. Vor mir liegen mehrere Pfade. Welcher führt in die “richtige” Richtung? Ich weiss es nicht. Vielleicht gibt es Möglichkeiten, die ich heute noch gar nicht sehe. Einen Quereinstieg. Eine neue Aufgabe. Ein Projekt, das langsam wächst. Oder etwas völlig anderes. Wer weiss.
Unser Hund hätte mit dieser Unsicherheit vermutlich wenig Mühe. Beim Spaziergang rennt er neugierig jeder Wegbiegung entgegen. Er bleibt nicht stehen, weil er nicht weiss, was dahinter liegt. Vielleicht wartet dort ein anderer Hund. Vielleicht ein Eichhörnchen. Vielleicht auch gar nichts. Er läuft einfach weiter. Voller Zuversicht. Offen für das, was kommen mag.
Ich mag diese Einstellung. Nicht weil ich glaube, wir Menschen sollten sie unbedingt übernehmen. Sondern weil sie mich manchmal daran erinnert, wie selbstverständlich Neugier sein kann. Vielleicht müssen wir nicht immer den ganzen Weg kennen. Vielleicht genügt es, den nächsten Schritt zu machen. Den nächsten Anruf. Die nächste Bewerbung. Das nächste Gespräch. Die nächste Idee.
Ich kenne meinen Standort. Den nächsten Streckenabschnitt kenne ich noch nicht. Und vielleicht muss ich ihn heute auch noch gar nicht kennen.