Teil 7: Der erste Termin meines Tages hat eine nasse Nase.
Manchmal spürt man es. Dieses eigenartige Gefühl, dass einen jemand beobachtet. Man schläft noch halb. Und trotzdem weiss man plötzlich: Da ist jemand. Ich öffne vorsichtig die Augen. Eine Briefmarkenlänge von meiner Nase entfernt steht unser Hund. In voller Lebensgrösse. Er schaut mich an. Regungslos. Fast ehrfürchtig. Als würde er prüfen, ob ich schon wach bin. In dem Moment, in dem ich die Augen öffne, beginnt sein Schwanz zu wedeln. Nicht zaghaft. Sondern voller Überzeugung. Als wollte er sagen: «Ah, du bist schon wach!» «Ja», murmele ich. «Jetzt schon.» Kurz darauf klingelt der Wecker. Eigentlich völlig überflüssig. Mein erster Termin des Tages hat längst begonnen.
Ich mag unsere Spaziergänge am frühen Morgen. Die Luft ist frisch. Der See liegt oft noch ganz ruhig da. Während unser Hund konzentriert jede neue Duftspur untersucht, ordnen sich meine Gedanken fast von selbst. Diese Spaziergänge haben etwas Meditatives. Vielleicht, weil sie jeden Morgen gleich beginnen. Vielleicht aber auch, weil sie mich daran erinnern, dass ein neuer Tag nicht spektakulär anfangen muss. Es genügt, ihn einfach zu beginnen.
Früher übernahm meine Arbeit diese Aufgabe. Der Kalender gab den Takt vor. Meetings. Veranstaltungen. Geschäftsreisen. Deadlines. Wochen. Monate. Alles hatte seinen Platz. Selbst hektische Tage folgten einer vertrauten Ordnung. Und gerade deshalb waren die kleinen Inseln dazwischen so wichtig. Ein gutes Buch. Yoga. Meditation. Ein Spaziergang. Ein paar Minuten zum Durchatmen.
Heute sieht mein Kalender anders aus. Zwischen den Spaziergängen gibt es plötzlich viel freie Zeit. Mehr, als mir manchmal lieb ist. Und mit der Zeit verschwand nicht nur die Arbeit. Sondern auch ein Stück der Routine, die sie ganz selbstverständlich mitgebracht hatte.
Wir sprechen oft über Sinn. Über Identität. Über Motivation. Viel seltener sprechen wir über Struktur. Dabei ist sie für unsere Psyche erstaunlich wichtig. Routinen geben Orientierung. Sie nehmen dem Tag ein wenig von seiner Ungewissheit. Sie schenken unserem Gehirn etwas, das es besonders mag: Vorhersehbarkeit. Vielleicht fühlen wir uns deshalb oft ruhiger, wenn wir wissen, was als Nächstes kommt.
Natürlich suche ich nach einer neuen Stelle. Ich durchforste Stellenportale. Ich lese Jobprofile. Ich schreibe Bewerbungen. Aber danach bleibt oft noch erstaunlich viel Tag übrig.
Also begann ich, mir selbst neue Anker zu setzen. Ich schreibe. Ich entwickle Ideen. Ich arbeite an einem Herzensprojekt. Ich treffe Menschen. Manchmal nehme ich mir sogar bewusst vor, nichts zu tun. Was mir bis heute erstaunlich schwerfällt.
Und irgendwann bemerkte ich etwas. Struktur findet man manchmal nicht. Man baut sie sich. Nicht auf einmal. Sondern Schritt für Schritt. Ein Spaziergang. Ein weiteres Kapitel. Ein Gespräch. Ein Einkauf.
Manchmal frage ich mich trotzdem, ob ich gerade ein Luftschloss baue. Ob all diese Zeit, all diese Ideen irgendwann einfach verpuffen. Dann meldet sich eine innere Stimme. Ganz leise. «What if I fall?» – «Oh, but my darling… What if you fly?» Diesen Satz schrieb die amerikanische Dichterin Erin Hanson. Ich mag ihn. Nicht weil er verspricht, dass alles gut kommt. Sondern weil er den Blick für einen kurzen Moment weg von der Angst und hin zur Möglichkeit lenkt.
Unser Hund hat inzwischen beschlossen, dass jetzt gespielt wird. Er wedelt. Ich verstecke ein paar Hundekekse in der Wohnung und auf der Terrasse. Mit erstaunlicher Präzision spürt er jeden einzelnen auf. Als wäre genau das sein heutiges Projekt. Vielleicht ist es das sogar. Und danach? Danach wartet schon der nächste Spaziergang.
Ich glaube, Hunde denken nicht viel über Routinen nach. Sie leben sie einfach. Vielleicht liegt genau darin ihre kleine Weisheit. Sie warten nicht darauf, dass irgendwann wieder ein perfekter Alltag beginnt. Sie machen einfach den nächsten Schritt. Und dann den nächsten. Und manchmal beginnt genau so ein neuer Lebensabschnitt. Nicht mit einem grossen Plan. Sondern mit einer nassen Nase.