Teil 6: Manchmal beginnt Zugehörigkeit mit einem wedelnden Schwanz.
Obacht. Unser Hund hat in der Ferne einen vierbeinigen Freund entdeckt. Mit einem Mal bleibt er stehen. Dann beginnt sein Schwanz zu kreisen. Erst langsam. Dann immer schneller. Wie ein kleiner Helikopterrotor. Mein Mann lächelt. Er macht die Leine ab. Im nächsten Augenblick schiesst unser Hund los. Der schwarze Labrador in der Ferne kommt ihm genauso begeistert entgegen. Die beiden treffen sich irgendwo in der Mitte. Ein kurzes Beschnuppern. Ein freudiges Herumhüpfen. Ein bisschen Rennen. Ein bisschen Spielen. Und dann …
…wendet sich unser Hund ganz selbstverständlich der Hundehalterin zu. Schliesslich muss er sich noch ein paar Streicheleinheiten abholen. Denn zu Hause wird er ja niiiieee gestreichelt. Natürlich nicht.
Wir kommen ins Gespräch. Wie so oft. Die Dame stammt ursprünglich aus Schottland. Sie spricht mittlerweile ausgezeichnet Schweizerdeutsch. Der schwarze Labrador gehört ihrem Sohn. Jeden Mittag geht sie mit ihm spazieren.
Es ist schon erstaunlich. Über diese sympathische Frau wissen wir inzwischen deutlich mehr als über manche Nachbarn, die seit Jahren neben uns wohnen. Und sie ist längst nicht die Einzige. Da sind die “Hundeeltern” von Asira. Lotti. Tony. Eigentlich kennen wir weniger die Hunde als ihre Menschen. Oder vielleicht beides. Manchmal frage ich mich, ob wir uns ohne Hund überhaupt jemals kennengelernt hätten. Wahrscheinlich nicht. Seit unser Hund bei uns eingezogen ist, hat sich unser soziales Netzwerk verändert. Nicht geplant. Nicht bewusst. Einfach so.
Früher bestanden viele meiner Gespräche aus Strategien. Kommunikationskonzepten. Krisensitzungen. Geschäftszahlen. Stakeholdern. Shareholder Value. Ad-hoc-Publizität. Ich war Kollegin. Teammitglied. Geschäftsleitungsmitglied. Sparringpartnerin. Ich gehörte dazu. Zu einem Team. Zu einem Unternehmen. Zu einem gemeinsamen Ziel.
Heute sehen meine Gespräche anders aus. Es geht oft um Hunde. Um den schönsten Spazierweg am See. Um das Wetter. Oder um den besten Hundekeks weit und breit. Die Themen haben sich verändert. Das Bedürfnis dahinter nicht. Auch heute suchn ich Begegnung. Interesse. Ein Lächeln. Das gute Gefühl, für einen kurzen Moment Teil derselben Geschichte zu sein.
Die Psychologie nennt das soziale Zugehörigkeit. Sie gehört zu unseren grundlegendsten menschlichen Bedürfnissen. Wir möchten Teil einer Gemeinschaft sein. Wir möchten dazugehören. Nicht nur wegen der Gespräche. Sondern weil Begegnungen etwas in uns auslösen. Verbundenheit. Geborgenheit. Vertrauen. Unser Gehirn unterstützt diese Momente sogar biochemisch. Unter anderem mit Oxytocin – einem Botenstoff, der soziale Bindungen stärkt. Vielleicht fühlen sich deshalb selbst ein paar freundliche Worte auf einem Spaziergang manchmal grösser an, als sie eigentlich sind.
Und vielleicht schmerzt Arbeitslosigkeit deshalb so sehr. Nicht nur, weil die Arbeit fehlt. Sondern weil plötzlich ein ganzes soziales Gefüge verschwindet. Die Menschen, mit denen man den Tag verbringt. Die gemeinsamen Projekte. Das Wissen, morgens erwartet zu werden. Das Gefühl, gemeinsam auf etwas hinzuarbeiten.
Ich glaube, es ist völlig normal, dem eine Zeit lang nachzutrauern. Ich habe das jedenfalls getan. Dem Kaffeeautomaten. Den Gesprächen. Dem Gefühl, ganz selbstverständlich irgendwo dazuzugehören.
Irgendwann fiel mir jedoch etwas auf. Während ich ständig auf das schaute, was nicht mehr da war, übersah ich fast, was geblieben war. Das Gespräch mit einer Hundehalterin. Ein freundlicher Schwatz mit einer Nachbarin. Ein langes Telefonat mit einer Freundin. Ein gemeinsames Mittagessen mit meiner Mutter. Ein Spaziergang mit meinem Mann. Zugehörigkeit war nicht verschwunden. Sie hatte nur ihre Gestalt verändert.
Unser Hund trottet inzwischen wieder zufrieden neben uns her. Die Streicheleinheiten hat er erfolgreich eingesammelt. Seine Mission ist erfüllt. Er weiss genau, wo sein Zuhause ist. Und trotzdem freut er sich über jede freundliche Begegnung unterwegs.
Vielleicht können wir Menschen von ihm etwas lernen. Vielleicht gehören wir im Laufe unseres Lebens ganz unterschiedlichen Kreisen an. Manche begleiten uns viele Jahre. Andere nur für einen Sommer. Einige verlassen wir freiwillig. Andere verlieren wir. Und manchmal entstehen neue, ohne dass wir überhaupt danach gesucht hätten.Es ist erstaunlich, wie schnell wir bemerken, was fehlt. Und wie lange wir manchmal brauchen, um zu sehen, was geblieben ist.