Teil 5: Heute hat mir niemand applaudiert.
Mein Hund liebt die Terrasse. Vor allem den Platz im Schatten. Von dort aus beobachtet er den See. Gefühlt stundenlang. Möwen ziehen kreischend ihre Kreise. Jogger laufen vorbei. Menschen gehen spazieren. Und dann plötzlich: Aufregung. Ein anderer Hund. Mein Hund springt auf, wedelt, bellt, möchte unbedingt Hallo sagen. Einen Augenblick später ist alles wieder vorbei. Er legt sich hin. Als wäre nichts gewesen. Ich beneide ihn manchmal um diese Fähigkeit.
Früher verliefen meine Tage anders. Nicht ruhiger. Ganz im Gegenteil. Meine Agenda war oft schon Wochen im Voraus gefüllt. Sitzungen. Präsentationen. Interviews. Strategieworkshops. Konzeptarbeit. Deadlines. Damals empfand ich meine Agenda manchmal als Belastung.
Heute vermisse ich sie. Nicht wegen der Termine. Sondern wegen der vielen kleinen Erfolgserlebnisse, die zwischen ihnen lagen. Eine gute Idee. Ein gelungenes Gespräch. Ein Projektabschluss. Ein ehrliches «Danke». Ein gemeinsames Lachen nach einer anstrengenden Sitzung. Es sind erstaunlich viele kleine Momente, die einem das Gefühl geben: Heute war ein guter Tag.
Heute sieht meine Agenda anders aus. Hundespaziergang. Bewerbungen. Vielleicht ein Telefonat. Vielleicht ein Essay. Und zwischendurch immer wieder ein Blick ins E-Mail-Postfach.
Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Dann ploppt tatsächlich eine neue Nachricht auf. Mein Herz macht einen kleinen Sprung. Vielleicht eine Einladung. Vielleicht ein Interview. Vielleicht… «Vielen Dank für Ihre Bewerbung …» Ich glaube, ich kenne inzwischen sämtliche Varianten höflicher Absagen. Freundlich. Wertschätzend. Standardisiert. Vermutlich KI-optimiert. Danke. Aber nein danke.
Mein Hund hebt den Kopf. Er schaut mich fragend an. Ist jetzt Spaziergang? Nein. Noch nicht. Er seufzt. Legt sich wieder hin. Und schläft weiter.
Kürzlich fragte ich mich, weshalb uns Erfolgserlebnisse eigentlich so wichtig sind. Die Antwort liegt unter anderem in unserem Gehirn. Immer dann, wenn wir erleben, dass wir einem Ziel näherkommen, das uns wichtig ist, schüttet unser Gehirn Dopamin aus. Dopamin wird oft als Motivationshormon bezeichnet. Genauer wäre wohl: Es ist ein Antriebsbotenstoff. Er sagt uns: Mach weiter. Das lohnt sich.
Das Problem ist nur: Wenn Erfolgserlebnisse ausbleiben, wird es plötzlich schwieriger, motiviert zu bleiben. Unserem Gehirn fehlt dann ein wichtiger Antrieb.
Also habe ich beschlossen, etwas auszuprobieren. Wenn mir die grossen Erfolgserlebnisse im Moment fehlen… dann muss ich eben anfangen, die kleinen ernst zu nehmen. Und sie zu feiern. Nicht ironisch. Sondern bewusst.
Das Bett gemacht. Ein Erfolg. Einen Spaziergang im Wald. Ein Erfolg. Eine Bewerbung abgeschickt. Ein Erfolg. Einen Essay geschrieben. Ein Erfolg. Eine liebe Nachricht erhalten. Ein Erfolg. Zu merken, dass mich jemand sieht. Ein Erfolg. Nicht den ganzen Tag gegrübelt. Vielleicht sogar ein ziemlich grosser Erfolg.
Mir ist dabei etwas aufgefallen. Erfolg hat gar nicht immer mit Leistung zu tun. Manchmal hat Erfolg einfach damit zu tun, sich dem Leben zuzuwenden. Nicht aufzugeben. Nicht zu verstummen. Nicht zu warten, bis irgendwann wieder jemand applaudiert.Mein Hund steht inzwischen schon fast fordernd vor mir. Dieses Mal ist es wirklich Zeit. Zeit für den Mittagsspaziergang. Und wer weiss. Vielleicht wartet unterwegs ja schon das nächste kleine Erfolgserlebnis. Man muss es nur bemerken.