Antikes Zirkusplakat mit trommelndem Affen

Teil 4: Wer bleibt übrig, wenn die Visitenkarte verschwindet?

Kürzlich habe ich angefangen aufzuräumen. Nicht halbherzig. Richtig. Schrank für Schrank. Schublade für Schublade. Ich bin nämlich fest davon überzeugt, dass man beim Aufräumen nicht nur Ordnung in der Wohnung schafft, sondern manchmal auch im eigenen Kopf. Man sortiert Dinge aus. Erinnerungen. Ballast. Vielleicht sogar ein kleines Stück von sich selbst.

Mein Hund schlief währenddessen tief und fest neben meinem Schreibtisch zu meinen Füssen. Seine Pfoten zuckten, als würde er gerade über eine Wiese galoppieren. Vielleicht jagte er einem anderen Hund hinterher. Einem Eichhörnchen. Einem Schmetterling. Kürzlich habe ich gelesen, dass wir “Hundeeltern” in den Träumen unserer Hunde erstaunlich häufig als Hauptfiguren vorkommen. Der Gedanke gefällt mir. Vielleicht galoppieren wir gerade gemeinsam über die Wiese. Ich muss schmunzeln. Und öffne eine weitere Schublade.

Da fand ich einen Stapel alter Visitenkarten. Mit jeder einzelnen kam eine Erinnerung zurück. Ein spannendes Gespräch. Eine Reise. Ein Radiointerview. Eine Krisensituation. Eine Veranstaltung mit zweihundert Gästen. Lampenfieber. Mut. Menschen.

Ich nahm eine der Karten in die Hand. Erstaunlich, dachte ich. Wie viel gelebtes Leben auf ein paar Quadratzentimeter Papier passt. Nicht nur Name, Funktion und Unternehmen. Sondern auch Begegnungen. Verantwortung. Zugehörigkeit. Erfolgserlebnisse. Freundschaften. Ein kleines Stück edles Papier. Und doch hatte ich viele Jahre das Gefühl, es würde etwas Wesentliches über mich erzählen.

Heute weiss ich nicht einmal mehr, …ob ich jemals wieder eine eigene Visitenkarte brauchen werde. Schon lange vor meiner Aussteuerung fragte ich mich immer häufiger, wie es beruflich weitergehen soll. Nicht nur, weil der Arbeitsmarkt härter geworden ist. Sondern auch, weil ich inzwischen zu den Überfünfzigjährigen gehöre. Zu jener Altersgruppe, über die viel gesprochen wird – aber die sich irgendwann selbst fragt, ob sie überhaupt noch gemeint ist.

Und genau deshalb stellte ich mir an diesem Nachmittag eine andere Frage. Wer bleibt eigentlich übrig, wenn die Visitenkarte verschwindet? Auf LinkedIn scheint die Antwort ziemlich einfach zu sein. Dort beschreiben wir unsere Kompetenzen. Oder, etwas zeitgemässer formuliert, unsere Skills. Natürlich möglichst SEO-optimiert. Executive Positioning. Strategic Reputation Management.Thought Leadership. Cross-Functional Alignment. Ich musste schmunzeln. Das klingt beeindruckend. Fast ein bisschen nach Geheimdienst.

Aber erzählen diese Skills wirklich etwas über den Menschen? Vielleicht wäre es manchmal hilfreicher, unser LinkedIn-Profil nicht nur SEO-, sondern auch Life-Engine-Optimized zu gestalten. Dann stünden dort vielleicht ganz andere Begriffe. Empathie. Neugier. Verlässlichkeit. Humor. Die Fähigkeit zuzuhören. Ruhe zu bewahren, wenn andere den Kopf verlieren. Menschen zusammenzubringen. Komplexe Zusammenhänge verständlich zu erklären. Hoffnung nicht zu verlieren.

Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr verschwammen die Grenzen. Welche dieser Fähigkeiten habe ich im Beruf gelernt? Welche hat mir das Leben beigebracht? Und spielt das überhaupt eine Rolle?

Vor Kurzem sagte eine Freundin zu mir: «Weisst Du, Simone, ich möchte gerne herausfinden, wer ich eigentlich bin.» Ich fragte sie: «Wer möchtest Du denn sein?» Wir verbringen erstaunlich viel Zeit damit, herauszufinden, wer wir sind. Vielleicht sollten wir unsere Persönlichkeitsentwicklung nicht dem Zufall überlassen. Vielleicht besteht Persönlichkeitsentwicklung darin, jeden Tag neu zu entscheiden, wer wir sein möchten. Welche Werte uns leiten sollen. Welche Spuren wir bei anderen Menschen hinterlassen möchten. Was wir der Welt zurückgeben wollen. Und ob wir am Ende unseres Lebens sagen können: Ja. So wollte ich sein.

Ich legte die Visitenkarten wieder in die Schublade. Nicht, weil sie bedeutungslos geworden sind. Sie erzählen einen wichtigen Teil meiner Geschichte. Aber eben nur einen Teil.Mein Hund war inzwischen aufgewacht. Er kam zu mir. Legte seinen Kopf auf mein Knie. Und schaute mich an. Als wollte er sagen: Die Visitenkarte war vielleicht nie das Interessanteste an Dir.

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