Teil 3: Wörter können verdammt weh tun.
Mein Hund schaut mich an. Dann legt er den Kopf schief. Ich rede schon seit einer gefühlten Ewigkeit vor mich hin. Über Wörter. Über Grammatik. Über Sprachgeschichte. Er versteht kein einziges Wort. Oder genauer gesagt: Er versteht wahrscheinlich genau das Wesentliche. Meine Stimme. Meine Stimmung. Dass ich nachdenke. Dann gähnt er. Ich nehme das als höflichen Hinweis, langsam zum Punkt zu kommen.
Man sagt mir nach, ich sei ein Language Nerd. Das stimmt vermutlich. Ich liebe Sprachen. Schon immer. Während andere Krimis lasen, stöberte ich in Wörterbüchern. In der Dolmetscherschule konnte ich stundenlang französische Verben konjugieren. In allen möglichen – und einigen ziemlich unmöglichen – Zeitformen. Und ich hatte tatsächlich Freude daran. Ich weiss. Ein bisschen schräg.
Mich fasziniert bis heute, wie Sprache unsere Gedanken formt. Denn bevor wir etwas verstehen können, brauchen wir oft zuerst ein Wort dafür. Vielleicht denken wir sogar nur so differenziert, wie unsere Sprache es zulässt. Aber das wäre eine andere Geschichte. Entschuldigung. Der Language Nerd geht manchmal mit mir durch.
Kürzlich blieb ich an einem einzigen Wort hängen. Ausgesteuert. Was für ein seltsames Wort. Steuern. Ansteuern. Umsteuern. Gegensteuern. Versteuern. Und irgendwann … ausgesteuert.
Fast so, als hätte jemand beschlossen, dass ich nicht länger am Steuer sitzen darf. Nicht mehr lenken. Nicht mehr Einfluss nehmen. Nicht mehr den Kurs bestimmen. Jemand anders übernimmt. Ich steige aus. Oder werde ausgestiegen. So genau weiss ich das bis heute nicht.
Mein Hund scheint über diese sprachphilosophischen Überlegungen nicht besonders beeindruckt zu sein. Er entdeckt gerade einen Käfer. Offenbar ein deutlich spannenderes Thema. Vielleicht hat er recht. Denn am Ende ist die sprachliche Bedeutung gar nicht entscheidend. Entscheidend ist, was dieses Wort mit mir macht.
Juristisch bedeutet ausgesteuert, dass mein Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung ausgeschöpft ist. Ein nüchterner Verwaltungsbegriff. Ein Stempel. Ein Status.
Für mich bedeutet dieses Wort etwas anderes. Es bedeutet, dass ich nach fast vierzig Jahren ununterbrochener Erwerbstätigkeit zum ersten Mal keine Einkünfte mehr erziele, während Rechnungen, Krankenkassenprämien und Hypotheken erstaunlicherweise keinerlei Interesse daran zeigen, dass ich inzwischen ausgesteuert bin. Es bedeutet auch, dass ich gefühlt unzählige Bewerbungen geschrieben habe. An Unternehmen. An Organisationen. An Gott. An die Welt.
Ganz erfolglos war ich nicht. Ich durfte vier Monate in einem Start-up mitarbeiten, bis klar wurde, dass definitiv kein Geld da war. Ich durfte sieben Monate eine Mutterschaftsvertretung übernehmen. Ich durfte immer wieder Hoffnung schöpfen. Und sie auch wieder loslassen.
Doch das alles ist nicht das, was mich am meisten schmerzt. Die eigentliche Tragödie ist nicht das fehlende Einkommen. Es ist das fehlende Dazugehören. Kein Team. Keine Kolleginnen und Kollegen. Keine Besprechungen. Keine Strategiediskussionen. Keine Ideen, die gemeinsam entstehen. Kein spontanes «Hast Du kurz Zeit?». Keine Erfolgserlebnisse. Keine Funktion. Nicht mehr Teil von etwas Grösserem zu sein.
Dabei stimmt das natürlich gar nicht. Ich bin Lebenspartnerin. Tochter. Schwester. Freundin. Und offenbar bekleide ich gleichzeitig die anspruchsvollen Funktionen der Hundemutter, Hundespaziergängerin, Hundeknuddlerin, Hundeköchin und gelegentlichen Hundeanimateurin. Wenn ich meinen Hund jetzt anschaue, wedelt er mit dem Schwanz, als hätte ich soeben den Nobelpreis gewonnen.
Er kennt weder meinen Lebenslauf noch mein LinkedIn-Profil. Er weiss nicht, wie viele Bewerbungen ich geschrieben habe. Er hat keine Ahnung, was ausgesteuert bedeutet. Für ihn bin ich einfach… ich. Vielleicht ist genau das die wichtigste Bedeutung dieses Wortes. Nicht die, die im Gesetz steht. Sondern die Erkenntnis, dass kein einziges Wort dieser Welt darüber entscheiden kann, wer ich bin. Auch dieses nicht.