Antikes Plakat mit Zirkusbär

Teil 2: Ich könnte auch einfach schweigen.

Kürzlich war ich wie jeden Morgen kurz nach fünf Uhr mit meinem Hund unterwegs.

Der Zürichsee lag beinahe regungslos da. Die ersten Sonnenstrahlen hatten sich an ein paar feine Wolkenschleier geklebt. Eine sanfte Brise strich über das Wasser. Diese Ruhe. Diese Stille. Für einen kurzen Moment schien die Welt noch niemandem zu gehören.

Noch.

In einer halben Stunde würden die ersten Pendlerinnen und Pendler zum Bahnhof eilen. Busse würden sich füllen. Velos vorbeiziehen. Büros ihre Türen öffnen. Kinder zur Schule laufen. Die Stadt würde ihren Motor starten.

Ich hingegen musste nirgendwo hin. Kein Termin. Kein Meeting. Kein Interview. Niemand wartete auf mich.

Mein Hund kümmerte das herzlich wenig. Er hatte Wichtigeres zu tun. Einen besonders interessanten Grashalm. Den Duft eines Artgenossen. Eine Möwe, die sich offenbar für den Mittelpunkt der Welt hielt.

Wahrscheinlich ist das einer der Gründe, weshalb Hunde so gute Therapeuten sind. Sie leben konsequent im Hier und Jetzt. Während ich mir Gedanken über die nächsten fünf Jahre machte, beschäftigten meinen Hund die nächsten fünf Meter.

Und plötzlich wurde mir bewusst: Zum ersten Mal seit Jahrzehnten gehörte dieser Morgen ganz mir.

Ein seltsames Gefühl. Freiheit? Oder Leere? Vielleicht beides.

Während wir am See entlanggingen, begann ich nachzudenken. Über Arbeitslosigkeit. Über das Ausgesteuertsein. Über Identität. Über die Frage, wie man mit einem Bruch umgeht, den man sich nie ausgesucht hat.

Eigentlich hatte ich gar nicht vor, eine Essay-Reihe zu schreiben. Ich wollte mir lediglich einen Plan machen. Einen Schlachtplan. Nicht gegen den Arbeitsmarkt. Der ist im Moment ohnehin stärker als ich. Sondern gegen das Gedankenkarussell. Gegen das Grübeln. Gegen schlaflose Nächte. Gegen jene kleinen Gewitterwolken, die sich manchmal fast unbemerkt am Horizont zusammenbrauen und sich – wenn man nicht aufpasst – direkt über dem eigenen Kopf niederlassen.

Ich wollte mir aufschreiben, was mir guttut. Was mir Struktur gibt. Wie ich mit dieser Situation umgehen möchte. Wie ich Bewerbungen schreibe, ohne mich von Absage zu Absage kleiner zu fühlen. Wie ich Netzwerke pflege, meine Teilselbstständigkeit weiterentwickle und gleichzeitig meine mentale Gesundheit nicht aus den Augen verliere.

Ich wollte mir einen Werkzeugkasten zusammenstellen.

Mit Atem- und Entspannungstechniken. Meditation. Selbsthypnose. Visualisierungen. Achtsamkeit. Bewegung. Familie und Freunden. Gesundem Schlaf. Gutem Essen. Einer Prise Humor.

Und der Erlaubnis, auch einmal einen schlechten Tag zu haben.

Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr stellte ich mir allerdings eine andere Frage. Warum eigentlich nur für mich? Jedes Jahr werden in der Schweiz rund 25’000 Menschen ausgesteuert. 25’000 Geschichten. 25’000 Biografien. 25’000 Menschen, die sich irgendwann dieselben Fragen stellen wie ich. Wer bin ich ohne meinen Beruf? Wo gehöre ich jetzt hin? Wie lange halte ich das durch? Und vielleicht geht es gar nicht nur um Aussteuerung. Vielleicht geht es um all jene Momente, in denen das Leben einen Bruch bekommt. Nach einer Scheidung. Nach einer schweren Krankheit. Nach dem Tod eines geliebten Menschen. Nach der Pensionierung. Wenn die Kinder ausziehen. Wenn eine langjährige Führungsposition plötzlich endet. Immer dann, wenn eine Rolle verschwindet, über die wir uns lange definiert haben. Vielleicht geht es am Ende gar nicht um Arbeit. Sondern um Identität.

Während ich dort am See entlangging, fiel mir ausgerechnet ein Satz von Kapitän Jack Sparrow ein. Ausgerechnet ein Pirat. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet er einmal eine der treffendsten psychologischen Erkenntnisse formulieren würde?

„Das Problem ist nicht das Problem. Unser Umgang damit ist das Problem.“

Genau darum geht es. Nicht das Ereignis allein bestimmt, wie wir uns fühlen. Sondern die Bedeutung, die wir ihm geben.

Die Psychologie weiss, dass dieselbe Situation von zwei Menschen völlig unterschiedlich erlebt werden kann. Die eine zerbricht beinahe daran. Der andere wächst über sich hinaus. Nicht, weil das Schicksal gerecht oder ungerecht wäre. Sondern weil unser Gehirn ständig versucht, Erfahrungen einzuordnen, ihnen einen Sinn zu geben und daraus eine Geschichte zu machen.

Vermeidung, Grübeln oder das Gefühl völliger Hilflosigkeit verstärken Stress häufig zusätzlich. Akzeptanz, Planung, soziale Unterstützung und das Erleben von Selbstwirksamkeit können dagegen helfen, schwierige Lebensphasen besser zu bewältigen.

Genau deshalb schreibe ich. Nicht, weil ich alle Antworten kenne. Ganz im Gegenteil. Ich schreibe, weil ich sie selbst erst suche. Vielleicht ist Schreiben sogar meine erste Bewältigungsstrategie. Gedanken werden klarer, wenn man sie aufschreibt. Ängste verlieren manchmal etwas von ihrer Macht, wenn sie einen Namen bekommen. Und Erfahrungen werden leichter, wenn man sie teilt.

Natürlich könnte ich auch schweigen. Mich irgendwo zwischen Tabellen, Prozentzahlen und Statistiken verlieren. Eine weitere Nummer werden. Klang- und sanglos verschwinden.

Näää. Das wäre nun doch etwas zu einfach.

Als ich wieder zu Hause ankam, hatte die Stadt ihren Arbeitstag längst begonnen. Irgendwo wurden E-Mails beantwortet. Irgendwo fanden Sitzungen statt. Irgendwo wurden Bewerbungsgespräche geführt. Irgendwo vermutlich auch Kündigungen ausgesprochen.

Ich öffnete die Haustüre. Mein Hund legte sich zufrieden auf seinen Platz. Ich setzte mich an den Schreibtisch. Öffnete ein leeres Dokument. Und begann zu schreiben.

Für mich.

Und vielleicht auch ein bisschen für Dich.

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