Teil 1: Hallo erstmal. Ich bin ausgesteuert.
1. Juli 2026. 5.00 Uhr.
Der Wecker klingelt.
«Guten Morgen. Sie sind ausgesteuert. Herzlichen Glückwunsch.»
So ungefähr hätte ich mir das vorgestellt.
Eigentlich hatte ich erwartet, dass sich an meinem ersten Tag als Ausgesteuerte der gewittrige Himmel in dramatischer Manier über mir auftut. Dass aus der entstandenen Wolkenkluft mit der Stimme von Philip Maloney mir meine neue Lebenssituation entgegendröhnt. Dass es eine Meldung in den Radionachrichten wert wäre. Eine Schlagzeile auf der Titelseite. Dass es die Spatzen von den Dächern pfeifen würden.
Aber nichts dergleichen.
Die Welt gerät – wenigstens deswegen – nicht aus den Fugen. Kein Requiem. Kein Trommelwirbel. Keine Flaggen auf Halbmast.
Es ist einfach Mittwoch.
Ein ganz gewöhnlicher Mittwoch.
Äusserlich jedenfalls.
Und innerlich?
Ich halte kurz inne. Richte meine Aufmerksamkeit nach innen. Gedanken. Gefühle. Körper.
Da ist ein leichtes Kribbeln im Bauch. Nicht dramatisch. Eher wie Kohlensäure.
Wenn ich jetzt anfangen würde zu grübeln, könnte daraus ziemlich schnell ein brodelnder Vulkan werden. Existenzängste. Weltuntergangsszenarien. Katastrophenfilme in Dolby Surround.
Nur hilft mir das im Moment kein bisschen.
Also lasse ich es. Vorerst jedenfalls. Zumal sich weit und breit keine Anzeichen eines unmittelbar bevorstehenden Weltuntergangs erkennen lassen.
Es bleibt dabei.
Mittwoch.
Ausgesteuert werden scheint hierzulande erstaunlich unspektakulär zu sein. Ein paar Formulare. Unfallversicherung. Taggeldversicherung. Freizügigkeitskonto. Voilà.
Und dann?
Dann ist man eben ausgesteuert.
Mich beschäftigt allerdings etwas anderes. Nicht der Papierkram. Nicht die Formulare. Sondern die Selbstverständlichkeit, mit der dieses Wort daherkommt.
Ausgesteuert.
Was für ein seltsames Wort eigentlich.
Als hätte mich jemand aus einem Fahrzeug genommen. Vom Steuer verdrängt. Aus einem System entfernt.
Gestern war ich noch Arbeitnehmerin. Heute bin ich statistisch etwas anderes.
Eine von rund 25’000 Personen, die jedes Jahr in der Schweiz von der Arbeitslosenversicherung ausgesteuert werden.
Eine Zahl.
Mehr nicht.
In einer Medienmitteilung des Bundesrats von Ende 2024 steht, dass bereits im ersten Jahr nach der Aussteuerung mehr als die Hälfte der Betroffenen wieder erwerbstätig ist. Nach fünf Jahren seien es sogar zwei Drittel.
Das klingt gut.
Fast beruhigend.
Ich habe deshalb nachgerechnet.
Wenn jedes Jahr rund 25’000 Menschen ausgesteuert werden und nach fünf Jahren zwei Drittel wieder eine Stelle finden, bleibt ein Drittel übrig.
Rund 8’300 Menschen.
Jedes Jahr.
Menschen, die auch fünf Jahre später keine neue Arbeit gefunden haben.
Menschen, die nach und nach aus der Statistik verschwinden.
Aus den Augen.
Aus dem Sinn.
Genau darin liegt etwas Faszinierendes. Und gleichzeitig etwas Beunruhigendes.
Denn dieselbe Statistik lässt sich auch anders erzählen.
«Zwei Drittel finden wieder Arbeit.»
Oder:
«Ein Drittel findet auch nach fünf Jahren keine.»
Beides stimmt.
Die Zahlen verändern sich nicht.
Nur unser Blick darauf.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, manchmal hinter Schlagzeilen zu schauen. Hinter Medienmitteilungen. Hinter Statistiken.
Denn dort stehen Menschen.
Mit Geschichten.
Mit Hoffnungen.
Mit schlaflosen Nächten.
Mit Zukunftsängsten.
Und manchmal mit einem ganz gewöhnlichen Mittwoch.
Hallo erstmal.
Mein Name ist Simone.
Ich habe zwei Masterabschlüsse. Einen Bachelor. Ich spreche vier Sprachen. Ich habe fast vierzig Jahre ohne Unterbruch gearbeitet. Eine geradlinige Laufbahn in der Kommunikations- und Öffentlichkeitsarbeit.
Und seit heute …
bin ich ausgesteuert.
Dies ist der erste Essay einer persönlichen Reihe über Arbeit, Identität, psychische Gesundheit und die Frage, was von einem Menschen bleibt, wenn die berufliche Rolle plötzlich wegfällt.